Ich war gut vorbereitet. Ich hatte studiert, was man studieren kann. Ich wusste sehr viel über lutherische Christologie, ich konnte Augustinus zitieren (zumindest das wichtigste), ich wusste, wie man eine Predigt in drei Schritten aufbaut und was Karl Barths Kirchliche Dogmatik im Kern aussagt. Und dann saß ich zum ersten Mal in einer Gemeindesitzung in Wanderup, alle Augen auf mich gerichtet, und jemand fragte: »Was machen wir jetzt, Pastor?« – und ich merkte: Ich hatte keine Ahnung.

Nicht weil ich nicht gelernt hatte. Sondern weil das, was gefragt war, sich nicht lernen lässt. Nicht im Hörsaal. Nicht in Seminargruppen. Nicht in Hausarbeiten über paulinische Ekklesiologie.

Das theologische Studium ist gut. Das sage ich ohne Ironie. Es ist notwendig. Es schützt vor Flachheit, vor billigem Trost, vor der Anmaßung des Halbgebildeten, der meint, Gott mit drei Bibelzitaten erklären zu können. Aber es hat eine strukturelle Lücke – und diese Lücke liegt nicht in den Lehrplänen. Sie liegt darin, was ein Mensch nur durch gelebte Zeit lernt: Demut. Aushalten. Den Unterschied zwischen Rolle und Person. Und die Gnade, die man nicht predigt, bevor man sie nicht gebraucht hat.

Ich war in meinen ersten Jahren als Pastor vor allem kompetent. Das war das Problem.


Es gibt eine bestimmte Form von Erschöpfung, die man nur kennt, wenn man Seelsorger ist. Sie hat nichts mit Überstunden zu tun. Sie entsteht, wenn man jahrelang der Mensch ist, zu dem andere kommen. Wenn man die Last anderer trägt, weil das der Auftrag ist, und dabei die eigene Last unter dem Fußboden vergräbt, weil Pastoren ja schließlich Ressourcen haben, die andere nicht haben. Weil Pastoren ja Gott kennen. Weil ein Pastor, der selbst Hilfe braucht, irgendwie einen Kategorienfehler begeht.

Ich habe diesen Kategorienfehler begangen. Jahrelang.

Was ich in Wanderup lernte – und was mir kein Proseminar beigebracht hatte – war, dass die Maske kein Schutzschild ist. Sie ist ein Gefängnis. Nach außen lief alles. Die Gemeinde wuchs. Es gab Gottesdienste, die Menschen bewegten. Es gab Gespräche, die Menschen veränderten. Und innen war ich leer. Nicht weil Gott schweigt. Sondern weil ich das Schweigen nicht mehr aushielt und deshalb aufgehört hatte, zuzuhören.

Eugene Peterson, einer der ehrlichsten Denker über pastorales Leben, schreibt, dass Beschäftigtsein kein Zeichen von Hingabe ist, sondern von Verrat. Das klingt provokant. Es ist es auch. Aber es trifft etwas Wahres: Der Pastor, der immer beschäftigt ist, hat oft aufgehört, das zu tun, wofür er eigentlich da ist. Er verwaltet, statt zu beten. Er reagiert, statt zu führen. Er ist präsent für alle und innerlich abwesend. Ich kannte diesen Zustand gut – und ich habe ihn lange als Frömmigkeit verkleidet.


Was das Studium nicht lehrt, ist: wer man ist, wenn die Tür zugeht.

Das klingt banal. Es ist es nicht. Im Studium baut man ein Bild von sich. Ich galt als klug, also kultivierte ich Klugheit. Als rhetorisch begabt, also pflegte ich Rhetorik. Man spielt eine Rolle, und weil alle dasselbe Spiel spielen, merkt man gar nicht, dass es ein Spiel ist. Man hält es für sich selbst.

Erst als ich Verantwortung übernahm – echte Verantwortung, für Menschen, für Gemeinschaft, für den sonntäglichen Gottesdienst in einer Gemeinde – brach die Frage über mir zusammen: Wer bin ich eigentlich? Nicht als Pastor. Als Mensch. Und die ehrliche Antwort war: Ich weiß es nicht genau.

Diese Frage ist theologisch, nicht psychologisch. Es geht nicht um Selbstverwirklichung. Es geht um das, was Luther meinte, wenn er sagte, dass Gott zuerst sterben lässt, bevor er lebendig macht. Die Theologie vom Kreuz hat eine Kehrseite: Man muss zulassen, dass das eigene Bild von sich stirbt. Das, was man im Studium aufgebaut hat – die Kompetenz, die Sicherheit, die Fähigkeit, auf jede Frage eine Antwort zu haben – muss irgendwann auf den Tisch. Und dann stellt man fest, dass Gnade nicht eine nette Ergänzung zum Dienst ist. Sie ist die einzige Grundlage, auf der Dienst überhaupt stehen kann.

Peter Scazzero beschreibt in seiner Arbeit über emotionale Gesundheit in der Gemeinde, wie Pastoren oft jahrelang aus einem falschen Fundament heraus führen – getrieben von Angst, nicht gesehen zu werden, Anerkennung zu verlieren, zu versagen. Dieses Fundament ist nicht immer sichtbar. Man kann mit ihm wachsende Gemeinden aufbauen. Man kann mit ihm beeindruckende Predigten halten. Aber man merkt irgendwann, dass etwas stimmt nicht – nicht an der Gemeinde, sondern in einem selbst.


Was ich falsch gemacht habe: Ich habe zu lange gebraucht, um Hilfe anzunehmen. Nicht weil ich sie nicht gebraucht hätte, sondern weil ich meinte, sie nicht zu dürfen. Es gibt eine stille, hartnäckige Theologie in vielen pastoralen Milieus, die sagt: Du bist der Hirte. Die Schafe fragen den Hirten. Nicht umgekehrt. Diese Theologie ist falsch. Sie ist fromm verkleidete Erschöpfungsproduktion.

Was das Leben – nicht das Studium – mich gelehrt hat: Ein Pastor, der nicht empfangen kann, wird irgendwann nichts mehr zu geben haben. Das ist zutiefst lutherisch: Der Mensch lebt nicht aus sich selbst, sondern aus dem, was ihm zugesprochen wird. Extra nos – von außen, von einem anderen. Das gilt für Gemeindeglieder. Es gilt für Pastoren genauso.

Was das Leben mich gelehrt hat: Man kann die Gnade nicht richtig predigen, wenn man sie nicht selbst gebraucht hat. Ich meine das nicht als frommen Spruch. Ich meine: Es gibt eine Art, über Rechtfertigung zu reden, die abstrakt bleibt, weil sie nie durch die eigene Brustbein gebrochen ist. Und es gibt eine Art, über Rechtfertigung zu reden, die jemanden trifft – weil sie aus einem Ort kommt, wo man selbst gesucht und gefunden wurde.

Ich bin dankbar für die Nächte, in denen es nicht weiterging. Das sagt sich leicht im Rückblick. Aber ich meine es. Denn in diesen Nächten hörte ich auf, Kompetenz zu verwalten, und fing an, zu empfangen. Das war das Beste, was mir als Pastor passieren konnte.


Was das Studium bildet: den Kopf. Den Zugang zur Schrift. Die Werkzeuge der Auslegung. Das historische Bewusstsein. Die Unterscheidungsfähigkeit. Das ist nicht wenig. Das ist viel. Man sollte es nicht geringschätzen.

Was das Leben bildet: die Person. Die Fähigkeit, in Ungewissheit standzuhalten. Den Mut, eigene Wunden zu zeigen, ohne sich darin zu suhlen. Das Gespür dafür, wann Schweigen mehr ist als Reden. Den Unterschied zwischen einer Gemeinde, die man leitet, und einer Gemeinde, die man liebt. Den Unterschied zwischen einem Amt, das man bekleidet, und einem Menschen, der dient.

Peterson schreibt, der Pastor solle drei Dinge tun: beten, die Schrift lesen und zuhören. Alles andere sei Akzident. Als ich das zum ersten Mal las, dachte ich: Das ist naiv. Je länger ich Pastor bin, desto mehr denke ich: Das ist das Einzige, das trägt.

Vielleicht ist das die ehrlichste Zusammenfassung dessen, was ich gelernt habe: Dass die besten Dinge im Pastorat nicht lehrbar sind – aber auch nicht machbar. Sie entstehen. In den Rissen. In den Erschöpfungen. In den Momenten, wo man aufgehört hat, der Pastor zu sein, der man meinte, sein zu müssen – und anfing, der Mensch zu sein, den Gott schon die ganze Zeit im Blick hatte.

Das Studium bildet den Kopf. Das Leben bildet den Pastor. Und Gott arbeitet mit beidem – vor allem aber mit dem, was dazwischen ist: dem Raum, wo Kompetenz aufhört und Vertrauen anfängt.