Es war ein Sonntagabend. Ich saß noch in meinem Büro, das Licht in der Kirche was aus, die Kaffeemaschine ebenso. Jemand hatte mir nach dem Gottesdienst die Hand gedrückt und gesagt: »Das war heute gut.« Eine andere Person hatte sich ein bisschen zu lang verabschiedet, auf eine Art, die ich kannte – die Art, die bedeutet, dass etwas nicht stimmt. Und dann kam die Nachricht.

Zwei Sätze. Mehr nicht. Der Ton war kühl, der Inhalt pauschal: Was ich gesagt hatte, sei oberflächlich gewesen. Nicht hilfreich. Nicht das, was man brauche.

Ich weiß noch, wie ich meine Unterlagen weglegte. Und wie ich sie fünf Minuten später wieder hochnahm. Und wie ich dann anfing, die Predigt in meinem Kopf zu sezieren. Absatz für Absatz. Bild für Bild. Was hatte ich falsch gemacht? Wo war ich zu schnell gewesen, zu wenig konkret, zu wenig vorbereitet? Der Gottesdienst mit den über hundert anderen Menschen – er existierte plötzlich nicht mehr. Es gab nur noch diese zwei Sätze. Und mich. Allein damit im Zimmer.

Ich glaube, die meisten Pastoren kennen dieses Zimmer.

Es ist ein seltsames Zimmer. Man betritt es durch eine ganz kleine Tür – eine Nachricht, eine Rückmeldung, ein Blick im Foyer –, aber drinnen ist es riesig. Und es hallt. Was dort hineingerufen wird, klingt größer, als es draußen war. Die Stimme eines einzigen Menschen füllt den ganzen Raum.

Ich habe lange gedacht, das sei ein Fehler, den man irgendwann überwindet. Mit mehr Erfahrung. Mit mehr Reife. Mit einem gesünderen Selbstbild. Heute glaube ich: Es ist kein Fehler. Es ist eine Deformation. Und sie hat einen theologischen Ursprung.

Wir haben das Gleichnis vom verlorenen Schaf in unsere Seelen gebrannt.

»Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?«

So steht es bei Lukas. Es ist eines der bekanntesten Bilder der Bibel. Der Hirte, der alles stehen lässt. Der dem einen nachläuft. Der die ganze Herde zurücklässt für das eine, das fehlt.

Und wir – die Pastoren, die Seelsorger, die Leiter –, wir haben dieses Bild verinnerlicht. Nicht nur als Beschreibung Gottes. Sondern als Stellenbeschreibung für uns selbst.

Das ist das Problem.

Denn Jesus erzählt das Gleichnis nicht, damit Hirten lernen, wie sie sein sollen. Er erzählt es, damit wir verstehen, wer Gott ist. Das ist ein entscheidender Unterschied. Gott ist derjenige, der dem verlorenen Schaf nachläuft. Nicht wir. Wir sind die Schafe. Manchmal das verlorene, manchmal eines der neunundneunzig. Aber nie der Hirte in diesem absoluten Sinne.

Wenn wir das durcheinanderwerfen, dann passiert etwas Seltsames: Wir trainieren uns darauf, dem Einzelnen nachzulaufen. Jedem Einzelnen. Auch dann, wenn der Einzelne uns nicht verlorengegangen ist. Auch dann, wenn der Einzelne einfach unzufrieden ist. Auch dann, wenn die Stimme des Einzelnen laut ist – lauter als alle anderen, nicht weil sie recht hat, sondern weil sie uns trifft.

Eine kritische Stimme ist kein verlorenes Schaf.

Das klingt hart. Es ist auch hart. Aber es ist wahr. Kritik ist nicht dasselbe wie Verlust. Eine Person, die uns eine unfreundliche Nachricht schreibt, ist nicht in der Wüste. Sie ist nicht in Gefahr. Sie ist unzufrieden. Das ist legitim. Aber es ist nicht dasselbe.

Und trotzdem laufen wir ihr nach. Wir lassen die neunundneunzig stehen – die Menschen, die sich gefreut haben, die berührt wurden, die etwas mitgenommen haben – und wir laufen. Nicht weil die eine Stimme das braucht. Sondern weil wir es so gelernt haben. Weil wir denken, das ist Demut. Das ist Dienst. Das ist guter Hirte sein.

Ich denke manchmal an eine Szene aus dem Film »A Hidden Life« von Terrence Malick. Franz Jägerstätter, ein österreichischer Bauer, der sich weigert, für Hitler zu kämpfen. Er wird von seiner Gemeinde nicht verstanden, vom Dorfpriester nicht gestärkt, vom Bischof nicht unterstützt. Und doch steht er. Nicht weil er alle überzeugt hat. Nicht weil er die kritischen Stimmen zum Schweigen gebracht hat. Sondern weil er gelernt hat, auf eine andere Stimme zu hören. Eine, die tiefer geht als jede menschliche Rückmeldung.

A hidden Life.

Es gibt eine innere Stille, in der man hört, was wirklich zählt. Und es gibt ein inneres Lärmen, in dem eine einzige kritische Stimme das gesamte Feld besetzt.

A.W. Tozer hat einmal geschrieben, dass viele Christen Gott kennen wie man einen Politiker kennt – aus der Zeitung, vom Hörensagen, aus Beschreibungen anderer. Aber Gott wirklich kennen, im Sinne einer persönlichen, lebendigen Begegnung – das ist etwas anderes. Es ist eine Beziehung, die nicht durch äußere Rückmeldungen definiert wird, sondern durch etwas, das tiefer sitzt.

Ich glaube, das gilt auch für Pastoren und ihr Selbstbild im Dienst. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was andere über unsere Arbeit sagen, und dem, was diese Arbeit wirklich ist. Zwischen dem Urteil eines unzufriedenen Menschen und dem Urteil dessen, der uns gerufen hat. Aber wir haben es so eingeübt, auf Kritik zu reagieren, dass wir verlernt haben zu unterscheiden.

Richard Foster hat beschrieben, wie geistliche Disziplinen nicht dazu da sind, uns Leistung abzuverlangen, sondern uns in eine Haltung zu bringen, in der Gott wirken kann. Training, nicht ewiger Einsatz. Und ich glaube, eine der wichtigsten geistlichen Disziplinen für Pastoren – eine, die selten gelehrt wird – ist die Disziplin des Nicht-Reagierens.

Nicht jede Stimme verdient eine Antwort. Nicht jede Kritik verdient eine Nacht voller Selbstzweifel. Nicht jeder Unmut verdient, dass ich die neunundneunzig stehen lasse.

Das ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist das Gegenteil. Es ist die Fähigkeit, unterscheiden zu können – welche Stimmen mich weiterbringen, welche mich korrigieren, welche mich fordern, und welche Stimmen einfach nur laut sind.

Die kritischsten Stimmen in einer Gemeinde sind nicht immer die gefährlichsten Stimmen. Die gefährlichste Stimme ist oft meine eigene, wenn sie anfängt, jede Rückmeldung als Maßstab zu behandeln. Wenn ich nicht mehr frage: »Stimmt das?« – sondern nur noch: »Wie werde ich wahrgenommen?«

Das ist Idolatrie in Pastorengewand. Wir nennen es Demut. Wir nennen es Seelsorge. Wir nennen es verantwortungsvoller Umgang mit Kritik. Aber im Kern ist es die Anbetung des Urteils anderer Menschen. Und das hat einen Namen: Es ist die Meinung der Menschen wichtiger nehmen als die Stimme Gottes.

Idolatrie ist selten spektakulär. Sie versteckt sich in guten Dingen – in Verantwortungsbewusstsein, in Sensibilität, in dem ehrlichen Wunsch, niemandem zu schaden. Und genau dort, in den guten Dingen, schleicht sie sich ein.

Der Pastor, der um Mitternacht noch die Nachricht des unzufriedenen Gemeindemitglieds beantwortet – er meint es gut. Wirklich. Er denkt, er ist der gute Hirte. Aber vielleicht ist er in diesem Moment nicht der gute Hirte. Vielleicht ist er jemand, der Gott als Richter versteht, der durch menschliche Stimmen spricht. Und das ist ein sehr anderes Gottesbild.

Was würde es verändern, wenn wir lernen würden zu unterscheiden?

Wenn wir lernen würden, dass manche Stimmen Einladungen sind – zur Korrektur, zur Erneuerung, zum Nachdenken – und andere Stimmen einfach das sind, was sie sind: die Äußerung einer momentanen Unzufriedenheit, die mit uns manchmal gar nichts zu tun hat?

Wenn wir lernen würden, dass der Hirte im Gleichnis nicht dem ersten besten Schaf nachläuft, das meckert, sondern dem Schaf, das wirklich verloren ist?

Wenn wir lernen würden, dass es eine Form von Treue gegenüber der Gemeinde ist, nicht jede Einzelstimme zur Leitinstanz zu machen – weil die Gemeinde mehr ist als ihre lauteste Stimme?

Ich saß an jenem Sonntagabend noch lange in meinem Büro. Irgendwann legte ich die Predigtunterlagen weg. Nicht weil ich die Kritik für falsch hielt. Nicht weil ich sie nicht ernst nehmen wollte. Sondern weil ich merkte, dass ich in diesem Zimmer war – dem hallenden Zimmer, in dem eine Stimme den ganzen Raum füllt. Und dass ich dort nicht bleiben sollte.

Ich dachte an die über hundert Menschen. An den Mann, der mir die Hand gedrückt hatte. An die Frau, die mir nachher gesagt hatte, sie habe geweint – nicht aus Traurigkeit, sondern aus Erleichterung, weil etwas, was sie lange mit sich trug, endlich Worte bekommen hatte. Ich dachte an die Jugendlichen in der hinteren Reihe, die eigentlich nie zuhören, aber an diesem Sonntag irgendwie schon.

Diese Stimmen sind auch Stimmen. Sie sind nur leiser.

Und vielleicht ist eine der schwierigsten Aufgaben im pastoralen Dienst diese: Lernen, die leisen Stimmen zu hören. Lernen, dem verlorenen Schaf nachzulaufen – dem wirklich verlorenen –, ohne dabei die anderen aus dem Blick zu verlieren. Lernen, dass Kritik nicht immer der Ruf Gottes ist. Manchmal ist Kritik einfach Kritik.

Der gute Hirte kennt seine Schafe. Und er kennt den Unterschied zwischen einem Schaf, das verloren ist, und einem Schaf, das laut ist.

Das ist eine Gnade. Und eine Aufgabe. Und manchmal eine der schwersten Übungen im Glauben: dass ich nicht jedem Ruf hinterherlaufe, der nach mir klingt. Sondern nur dem, der wirklich zählt.