Es gibt Dinge, die ich versucht habe und die nicht funktioniert haben. Projekte, die ich mit Überzeugung begonnen und aufgegeben habe. Gespräche, aus denen ich herauskam und wusste, dass ich versagt hatte. Gemeindepläne, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen. Momente, in denen ich dachte, ich wäre auf dem richtigen Weg, und dann feststellte, dass ich es nicht war.
Man redet im Glaubensleben nicht gerne über solche Dinge. Zeugnisse handeln von dem, was Gott bewirkt hat. Was nicht funktioniert hat, bleibt meistens im Stillen. Das ist verständlich, aber es hinterlässt ein schiefes Bild davon, wie das Leben mit Gott wirklich aussieht.
Ich glaube, dass Scheitern zu den formativsten Erfahrungen des Glaubens gehört. Nicht als Prüfung, die man besteht, um dann mit neuem Selbstvertrauen weiterzumachen. Sondern als ein Ort, an dem etwas wirklich Wichtiges gelernt werden kann, das sich durch Erfolg nicht lernen lässt.
Was Scheitern aufdeckt
Erfolg lässt vieles verborgen. Er gibt einem das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, die richtigen Entscheidungen zu treffen, die Dinge im Griff zu haben. Das ist nicht falsch, aber es ist unvollständig. Denn Erfolg zeigt einem nicht, worauf man sich wirklich stützt. Er zeigt nicht, wie tief die eigenen Motive reichen. Er zeigt nicht, ob man aus Überzeugung handelt oder aus dem Bedürfnis, als jemand zu gelten, der Dinge gelingen lässt.
Scheitern hingegen deckt auf. Es zeigt, was vorhanden ist, wenn die Bestätigung ausbleibt. Es zeigt, ob man Gott dient, weil man ihn kennt, oder weil der Dienst einem ein gutes Gefühl über sich selbst gibt. Es zeigt, wie man mit dem Urteil anderer umgeht. Wie man mit dem eigenen Urteil über sich selbst umgeht.
Das ist kein angenehmer Spiegel. Aber er ist ehrlich. Und ehrliche Spiegel sind selten.
In der Seelsorge beobachte ich immer wieder, wie Menschen an einem Scheitern stärker wachsen als an einem Erfolg. Nicht weil das Scheitern pädagogisch wertvoll wäre, nicht weil Gott Niederlagen schickt, damit wir etwas lernen. Sondern weil Scheitern einen an Orte führt, die man sonst umgeht. Weil es die Schicht von Selbstschutz durchbricht, hinter der man sich meistens verbirgt.
Das Kreuz
Das Christentum kennt einen Gott, der an einem Kreuz gestorben ist. Das ist kein Detail am Rand. Es ist die Mitte. Und diese Mitte sagt etwas Entscheidendes darüber aus, wie Gott in der Welt handelt.
Er handelt nicht ausschließlich durch Triumph. Er handelt durch Niedrigkeit, Schwäche, durch das, was in den Augen der Welt wie Versagen aussieht. Paulus nennt das den Skandal des Kreuzes: eine Botschaft, die unvernünftig wirkt, weil sie nicht dem entspricht, wie Menschen sich Macht vorstellen. Gott rettet nicht durch Dominanz. Er rettet durch Hingabe.
Was das für das eigene Leben bedeutet, ist unbequem. Es bedeutet, dass die Momente der eigenen Schwäche und Niederlage nicht notwendigerweise Zeichen der Abwesenheit Gottes sind. Sie können Orte sein, an denen Gott besonders nah ist. Nicht weil Leiden heilig wäre. Sondern weil Gott sich entschieden hat, durch das Gebrochene zu wirken.
Luther nannte das die Theologie des Kreuzes. Sie sagt: Gott ist da, wo man ihn nicht vermutet. In der Schwäche. In der Niederlage. In dem, was sich nicht vorzeigen lässt. Das ist das Gegenteil einer Theologie, die Erfolg als Zeichen von Gottes Gegenwart und Scheitern als Zeichen seines Fehlens versteht.
Was die "Gnade des Nein" meint
Wenn ein Weg sich schließt, wenn etwas nicht gelingt, wenn ein Plan scheitert, dann ist das nicht automatisch ein Urteil. Es kann ein Ort sein, an dem Gott etwas sagt, das er anders nicht sagen konnte.
Ich habe das nicht immer so gesehen. Es hat Jahre gebraucht, bevor ich gelernt habe, in einem Nein etwas anderes zu lesen als Ablehnung. In einem Scheitern etwas anderes als Versagen. In einer Niederlage etwas anderes als das Ende.
Was ich gelernt habe, ist das: Gott formt nicht hauptsächlich durch das, was gelingt. Er formt durch beides, durch das Gelingen und durch das Scheitern, aber die Formung durch das Scheitern reicht oft tiefer. Weil sie an Orte geht, die dem Erfolg verschlossen sind.
Es ist keine Romantisierung des Scheiterns, das zu sagen. Es ist keine Einladung, Niederlagen zu suchen oder sich in ihnen einzurichten. Es ist die schlichte Beobachtung, dass Gott in der Geschichte immer wieder durch das gearbeitet hat, was nicht funktioniert hat. Durch die vierzig Jahre in der Wüste, nicht trotz ihnen. Durch die Niederlage des Kreuzes, nicht trotz ihr.
Was man damit anfangen kann
Man kann mit einem Scheitern ehrlich sein. Das ist einfacher gesagt als getan. Es verlangt, sich nicht hinter Rationalisierungen zu verstecken, nicht andere verantwortlich zu machen, wenn man selbst verantwortlich war. Es verlangt, hinzuschauen, was das Scheitern aufgedeckt hat, und das nicht sofort wegzuerklären.
Man kann es Gott hinhalten. Das klingt fromm und ist es auch, aber nicht auf eine billige Art. Es ist die Geste des Menschen, der zugeben muss, dass er etwas nicht alleine tragen kann. Der sagt: Das hier liegt jetzt vor dir. Ich weiß nicht, was daraus wird. Aber ich vertraue, dass du damit umgehst.
Und man kann langsam lernen, dass ein Nein kein letztes Wort ist. Dass hinter dem Scheitern etwas wartet, das man vorher nicht sehen konnte. Nicht immer sofort. Manchmal erst viel später. Manchmal erst, wenn man zurückschaut.
Das Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte. Aber ohne das Kreuz gibt es auch keine Auferstehung. Das gilt für den Sohn Gottes. Und es gilt, in kleinerem Maß und auf andere Weise, auch für die, die ihm nachfolgen.

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