Es gibt einen Satz, den ich schon tausendmal gehört habe, in Seminaren, Leitungsschulungen, Gemeindekonferenzen. Er klingt immer ein bisschen bedeutsam, ein bisschen nach Erkenntnis: »Wir müssen die Menschen hinter der Funktion sehen.« Und dann nicken alle. Und dann geht man nach Hause und schaut beim nächsten Gemeindeabend wieder auf die Aufgaben, die noch nicht erledigt sind, und auf die Leute, die sie noch nicht erledigt haben. Der Satz war gut. Die Haltung hat sich nicht verändert.
Ich frage mich manchmal, ob wir in unseren Gemeinden und Arbeitszusammenhängen grundlegend verlernt haben, Menschen zu sehen. Nicht wahrzunehmen im Sinne von: Ich registriere, dass da jemand steht. Sondern zu sehen im biblischen Sinn, der immer auch bedeutet: zu erkennen, was wirklich da ist. Das ist eine andere Kategorie. Und es ist, glaube ich, eine verlorene Kunst.
Wim Wenders hat 2023 einen Film gedreht, der in Japan spielt. »Perfect Days« heißt er, und er handelt von einem Mann namens Hirayama, der öffentliche Toiletten in Tokio reinigt. Jeden Tag dieselbe Route, dieselben Handgriffe, dasselbe stille Ritual. Wer denkt, das müsse ein trauriger Film sein, irrt sich. Hirayama schaut nämlich. Er schaut die Bäume an, als sähe er sie zum ersten Mal. Er beobachtet das Licht durch die Blätter, den Wechsel der Schatten, die kleinen Veränderungen des Tages. Er ist nicht blind geworden für das, was täglich vor ihm ist. Er hat eine Praxis des Sehens entwickelt, die die meisten von uns längst verloren haben, weil wir zu beschäftigt sind mit dem, was noch zu tun ist.

Ich denke an Hirayama, wenn ich überlege, was es bedeutet, Kollegen als Geschöpfe Gottes zu sehen. Es geht nicht um eine Technik. Es geht nicht um einen Seminarinhalt oder eine neue Führungsmethode. Es geht um eine Grundentscheidung darüber, was ich eigentlich sehe, wenn ich einem Menschen begegne.
Das Problem mit der Leistung
Moderne Arbeitskultur hat uns beigebracht, Menschen als Bündel von Kompetenzen zu lesen. Wir sehen jemanden und denken: Was kann der? Was bringt der mit? Was kostet der? Das ist keine Bösartigkeit, es ist eine eingeübte Wahrnehmungsweise, die tief sitzt. In Unternehmen hat das eine gewisse Logik. Aber die Kirche hat diesen Blick übernommen, ohne ihn zu hinterfragen, und das ist das eigentliche Problem.
In Gemeinden reden wir über Menschen in Kategorien, die sich von Unternehmenssprache kaum mehr unterscheiden lassen. Wir sprechen von Potenzial, von Ressourcen, von Mitarbeitenden, die etwas leisten oder nicht leisten. Wir freuen uns über jemanden, der »einsetzbar« ist. Wir sind frustriert über jemanden, der »schwierig« ist. Wir sortieren. Wir kategorisieren. Wir verwalten Menschenmaterial.
Das Gesetz tut genau das. Das ist seine Funktion. Das Gesetz fragt immer: Was hast du getan? Was leistest du? Bist du gut genug? Es ist eine unerbittliche Logik der Bewertung, die keinen Menschen je unbewertet lässt. Und solange wir aus dieser Logik heraus auf unsere Kollegen, unsere Gemeindemitglieder, unsere Mitarbeitenden schauen, sehen wir sie nicht. Wir bewerten sie. Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Luther hat die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium nicht als theologische Spielerei betrieben. Sie war für ihn eine Frage des Überlebens. Das Gesetz tötet, weil es niemals aufhört zu fordern. Das Evangelium macht lebendig, weil es schenkt, was das Gesetz immer nur verlangen kann. Und diese Unterscheidung gilt nicht nur für die persönliche Frömmigkeit. Sie gilt für die Art, wie wir Menschen sehen.
Was Zachäus im Baum wirklich passiert ist
Jesus sieht Zachäus in einem Baum. Du kennst die Geschichte wahrscheinlich. Das ist keine kleine Nebensache. Zachäus ist ein Mann, über den alle in Jericho eine fertige Meinung haben. Er ist Zöllner, er ist Kollaborateur, er ist reich auf Kosten anderer. Er hat eine Funktion in der gesellschaftlichen Ordnung, und diese Funktion definiert ihn vollständig. Niemand sieht den Mann. Alle sehen die Kategorie.
Jesus schaut hoch und sagt seinen Namen. Nicht: »He, Zöllner!« Sondern: »Zachäus.« Das ist der Moment. In diesem einen Wort steckt eine vollständige theologische Aussage: Ich sehe dich. Nicht deine Funktion. Nicht deine Vergangenheit. Nicht das, was die anderen über dich denken. Dich.
Und dann lädt Jesus sich selbst ein. Das ist auch kein Zufall. Er drängt sich in das Leben dieses Mannes, ohne zu warten, ob Zachäus sich das verdient hat. Ohne Vorbedingungen. Ohne Reformversprechen. Er geht zu ihm, bevor Zachäus irgendetwas geändert hat. Die Umkehr kommt danach. Das ist die Logik des Evangeliums, und sie ist radikal anders als die Logik des Gesetzes, die immer zuerst die Veränderung fordert und dann vielleicht Anerkennung in Aussicht stellt.
Zachäus-Momente passieren nicht von alleine. Sie setzen einen voraus, der bereit ist, hochzuschauen. Der inne hält. Der nicht weitereilt zur nächsten Aufgabe. Der den Namen kennt und ihn ausspricht.
Die Verdrängung des Geschöpfseins
Die Bibel sagt, dass jeder Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist. Imago Dei. Das ist keine fromme Formel für Sonntagsgottesdienste. Es ist eine ontologische Aussage über die Wirklichkeit jedes Menschen, der mir begegnet. Der Kollege, der mich nervt. Das Gemeindemitglied, das immer etwas zu kritisieren hat. Der Mitarbeitende, der nicht das tut, was ich mir wünsche. Sie alle tragen etwas in sich, das aus Gott stammt und auf Gott verweist. Das ändert sich nicht durch ihre Leistung, ihre Zuverlässigkeit oder ihre Annehmlichkeit.
Aber wir verdrängen das. Nicht absichtlich, sondern weil die alltägliche Praxis des Arbeitens und Leitens eine andere Grammatik hat. Wir sehen den Menschen zuerst durch die Brille des Nützlichen. Und je länger wir das tun, desto mehr verblasst das andere. Irgendwann haben wir verlernt zu sehen, was wirklich da ist. Wir haben einen Schleier über die Wirklichkeit gezogen, der aus Kategorien, Erwartungen und Enttäuschungen gewebt ist.
Peter Scazzero schreibt davon, was es bedeutet, emotional gesund zu leiten. Ein Leiter, der nicht weiß, was in ihm selbst vorgeht, wird zwangsläufig auf andere projizieren, was er in sich nicht angesehen hat. Das gilt auch für den Blick. Ein Mensch, der seinen eigenen Wert nur aus Leistung bezieht, wird andere Menschen unweigerlich durch dieselbe Brille sehen. Wir sehen andere so, wie wir uns selbst sehen. Und wer sich selbst nur als Funktionsträger versteht, kann in anderen nichts anderes entdecken.
Das ist einer der tieferen Gründe, warum die Rechtfertigung aus Gnade nicht nur Trost für die Seele ist, sondern eine soziale, relationale Wirklichkeit hat. Wer weiß, dass sein eigener Wert nicht von seiner Leistung abhängt, bekommt einen anderen Blick frei. Nicht einen weichgespülten, der Fehler ignoriert und Konflikte scheut. Sondern einen klaren Blick, der den Menschen sieht, bevor er das Problem sieht.
Was Bewertung mit uns macht
Es gibt einen kleinen, fast unsichtbaren Moment, der sich in Beziehungen entscheidend verändert, wenn wir anfangen, Menschen zu bewerten statt zu sehen. Wir hören auf, neugierig auf sie zu sein. Neugier setzt voraus, dass man noch nicht alles weiß. Bewertung setzt voraus, dass man es schon weiß. Wer einen Kollegen in eine Kategorie einsortiert hat, stellt keine Fragen mehr. Wozu auch? Die Akte ist geschlossen.
Aber Menschen sind keine Akten. Sie verändern sich. Sie tragen Dinge in sich, die noch niemand gesehen hat. Sie haben Geschichten, die erklären würden, was rätselhaft erscheint, wenn man nur die Oberfläche kennt. Eugene Peterson hat einmal geschrieben, dass der Seelsorger der einzige Mensch in einer Gemeinde sein darf, der Zeit hat. Zeit für das, was sich nicht in Programmpunkte eintragen lässt. Diese Art von Zeit ist eine Form des Sehens.
Ich denke an Begegnungen in Gemeinden, die mich verändert haben. Nicht die großen, spektakulären. Die kleinen. Ein Gespräch nach dem Gottesdienst, das länger dauerte als geplant. Ein Mensch, den ich für schwierig gehalten hatte, bis ich herausfand, was er trägt. Ein Moment, in dem mir aufging, dass ich jemanden monatelang gesehen hatte, ohne ihn zu sehen. Das hat etwas in mir verschoben. Nicht weil ich eine Methode angewendet hatte, sondern weil ich aufgehört hatte, ihn zu bewerten.
Das Evangelium schafft diese Möglichkeit. Nicht das Gesetz. Das Gesetz macht uns zu Bewertern, weil es selbst immer bewertet. Das Evangelium spricht frei, und diese Freiheit kann, wenn sie wirklich landet, den Blick verändern.
Eine Einladung, nicht eine Aufgabe
Ich will nicht so tun, als wäre das einfach. Es gibt Kollegen, die einem das Sehen schwer machen. Es gibt Gemeindemitglieder, deren Geschichte so verletzt ist, dass sie jeden Kontakt vergiften. Es gibt Situationen, in denen Konfrontation notwendig ist und in denen das Sehen des Menschen nicht bedeutet, dass man Fehlverhalten übersieht. Ich rede hier nicht von einer Sentimentalität, die alles versteht und nichts benennt.
Aber das ist der Punkt: Das Sehen kommt zuerst. Nicht als Belohnung für gutes Verhalten, sondern als Grundhaltung, die aus dem Evangelium wächst. Jesus hat Zachäus zuerst gesehen und dann mit ihm gegessen. Die Veränderung im Leben des Zachäus kam aus der Erfahrung, gesehen worden zu sein, nicht aus einem Moralappell.
Das ist keine neue Führungstheorie. Es ist keine Methode, die man in ein Leitbild schreiben könnte. Es ist eine tägliche Entscheidung, die damit beginnt, dass ich mir selbst sage: Dieser Mensch ist ein Geschöpf Gottes, bevor er mein Kollege, mein Mitarbeitender, mein Problem ist. Er trägt etwas in sich, das ich nicht kenne. Ich bin nicht sein Aktenverwalter. Ich bin jemand, der die Chance hat, seinen Namen auszusprechen.
Hirayama reinigt Toiletten und schaut dabei Bäume an, als wären sie das Größte, was er je gesehen hat. Er hat etwas, das die meisten Führungskräfte, die ich kenne, nicht haben: eine Praxis der Aufmerksamkeit, die das Gewöhnliche nicht für selbstverständlich hält. Ich glaube, der Glaube könnte genau das sein. Eine Einübung in das Staunen über das, was täglich vor mir steht. Nicht über Programme und Konzepte. Über Menschen.
Vielleicht ist das der radikalste Akt, zu dem eine Gemeinde fähig ist: dass die Menschen, die in ihr zusammenkommen, aufhören, sich gegenseitig zu verwalten, und anfangen, sich gegenseitig zu sehen. Nicht weil sie es gelernt haben. Sondern weil ihnen selbst das widerfahren ist.

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