Es ist eine der bemerkenswertesten Karriereentscheidungen der Kirchengeschichte: Hunderte von Menschen brechen im 3. und 4. Jahrhundert ihre Leben ab, verlassen Familie, Arbeit und die relative Bequemlichkeit städtischer Existenz — und ziehen in die Wüste. Freiwillig. Um Gott zu suchen.
Man könnte meinen, sie wären einfach gerne allein gewesen. Aber das wäre zu einfach. Die Wüstenväter — und Wüstenmütter — zogen nicht in die Einsamkeit, weil ihnen die Menschen zu viel wurden. Sie zogen hinein, weil sie merkten, dass ihnen Gott zu wenig war. Dass da eine Sehnsucht lebte, die kein städtisches Vergnügen, keine gesellschaftliche Rolle und kein volles Programm stillen konnte. Ein Hunger, der sich hartnäckig weigerte, mit anderem gesättigt zu werden.
Und dann, in der Wüste, lernten sie etwas Unerwartetes: Dieser Hunger nach Gott und die Liebe zum Nächsten sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie sind dasselbe. Nur von verschiedenen Seiten betrachtet.
I. Die Frage, mit der alles beginnt
Wer in die Sketis — die ägyptische Wüste — kam und einen der Altväter aufsuchte, hatte meistens dieselbe Frage im Gepäck. Udo Manshausen beschreibt es so: „Die Neuankömmlinge in der Wüste fragen die Altväter nach Orientierung und bitten um Hilfestellung bei der Suche nach einem erfüllten Leben. Dabei lautet die entscheidende Frage immer wieder: ‚Wie kann ich gerettet werden?'" — Udo Manshausen, Wüstenväter für Manager, Gabler Verlag 2000.
Wie kann ich gerettet werden? Das klingt nach Katechismus. Aber gemeint ist etwas viel Unmittelbareres: Wie kann mein Leben gelingen? Wie komme ich aus der eigenen Enge heraus? Wie stille ich diesen Hunger — nach Tiefe, nach Sinn, nach Gott?
Die Antworten der Altväter waren selten das, was die Fragenden erwartet hatten. Einer der knappsten und treffendsten kommt von Abbas Moses:
„Fort, geh in dein Kellion und setze dich nieder, und das Kellion wird dich alles lehren." — Abbas Moses, zitiert nach Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die Weisheit der Wüstenväter, Urania-Verlag 2019
Geh in deine Höhle. Setz dich hin. Und warte. Das ist die spirituelle Anleitung. Kein Programm, kein Kurs, kein Seminar. Nur: bleib. Wer jetzt denkt, das sei recht wenig für eine so große Frage, hat noch nie versucht, wirklich still zu sitzen. Wirklich. Still. Zu sitzen.
II. Der Fisch auf dem Trockenen
Altvater Antonius — nicht irgendwer, sondern der Vater des christlichen Mönchtums überhaupt — hat für diesen Zusammenhang ein Bild gefunden, das man so schnell nicht wieder loswird:
„Wenn die Fische auf dem Trockenen liegen bleiben, dann verenden sie. So auch die Mönche. Verweilen sie außerhalb des Kellions, oder geben sie sich mit Weltleuten ab, dann lösen sie sich aus dem Zug der Beschauung. Wie also der Fisch sich ins Wasser, so müssen wir uns ins Kellion zurückziehen, damit wir durch Verweilen außerhalb die Bewahrung des Innern vergessen." — Altvater Antonius, zitiert nach Udo Manshausen, Wüstenväter für Manager, Gabler Verlag 2000
Ein Fisch braucht Wasser, um zu leben. Ein Mensch, der Gott sucht, braucht Stille. Beides ist keine Frage des Geschmacks, sondern die Natur der Sache.
Was aber macht man mit dem Hunger — dem echten, leibhaftigen Hunger auf Ablenkung, auf Gesellschaft, auf Geschäftigkeit? Abbas Arsenios kennt das Problem aus eigener Anschauung. Jemand kommt zu ihm und sagt, seine Gedanken quälten ihn: Er könne nicht fasten, nicht arbeiten — er solle wenigstens die Kranken besuchen, das sei doch auch Liebe! Arsenios, der den Trick kennt, antwortet trocken:
„Geh und iss, trinke, schlafe und arbeite nicht, nur verlass dein Kellion nicht!" Er wusste nämlich, dass das Ausharren im Kellion den Mönch in seine rechte Ordnung bringt. — Abbas Arsenios, zitiert nach Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die Weisheit der Wüstenväter, Urania-Verlag 2019
Man muss das auf sich wirken lassen. Der Rat lautet: Iss. Trink. Schlaf. Aber geh nicht weg. Aus einem Leben in Beschaulichkeit und Gottes-Hunger wird also kein asketisches Hochleistungsprogramm. Wer nicht fasten kann, soll eben nicht fasten. Wer nicht arbeiten kann, soll eben nicht arbeiten. Nur weglaufen — das ist nicht erlaubt. Der Hunger nach Gott, so scheint es, wird nicht durch Leistung gestillt. Er wird ausgehalten.
III. Siebzig Jahre — und kein einziger Tag Ruhe
Wer meint, dieses Ausharren werde irgendwann leichter, der möge sich an Abbas Theodor von Pherme erinnern. Ein junger Mönch — acht Jahre im Habit — kommt zu ihm und klagt: Er finde keine Ruhe, weder allein noch unter anderen. Was soll er tun?
„Wirklich, ich zähle siebzig Jahre in diesem Kleide, und keinen Tag habe ich Ruhe gefunden — und du mit deinen acht verlangst Ruhe zu haben?" Als der Bruder das hörte, ging er gestärkt davon. — Altvater Theodor von Pherme, zitiert nach Daniel Hell, Die Sprache der Seele verstehen. Die Weisheit der Wüstenväter, Urania-Verlag 2019
Gestärkt. Nicht weil das Problem gelöst wäre. Sondern weil er weiß: Er ist nicht allein damit. Der Hunger nach Gott ist kein vorübergehender Zustand, den man irgendwann hinter sich lässt. Er ist die Bedingung des Weges selbst. Wer aufgehört hat zu hungern, hat aufgehört zu suchen.
Und wer aufgehört hat zu suchen — das ist die wüstenväterliche Pointe —, fängt an, stattdessen auf den Nächsten zu starren. Dessen Fehler plötzlich sehr groß und sehr interessant zu finden.
Schluss: Was der Hunger lehrt
Die Wüstenväter waren keine weltfremden Fanatiker. Sie waren — in der Sprache unserer Zeit — Menschen, die sich geweigert hatten, ihren innersten Hunger mit Ersatzbefriedigung abzuspeisen. Die in die Stille gegangen waren, weil die Lautstärke sie nicht satt machte.
Und sie hatten dabei entdeckt: Wer wirklich hungert — nach Gott, nach Tiefe, nach dem Wesentlichen — der wird zart. Nicht weich, aber zart. Er kann den anderen sehen. Er kann schweigen, wo andere richten.
Der Hunger nach Gott macht — wenn man ihn aushalten lernt und nicht sofort in Aktivismus übersetzt — ausgerechnet zum Menschen. Zum Nächsten des Nächsten.
Das ist, mit Verlaub, die vielleicht seltsamste und schönste spirituelle Entdeckung, die je in einer ägyptischen Wüste gemacht wurde.

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