Wir denken bei Liebe oft zuerst an Gefühle. An ein warmes Herz. An gute Absichten. Und das gehört dazu. Aber wer durch die Evangelien geht, bemerkt: Bei Jesus ist Liebe auch etwas, das geschieht. Etwas, das man tut. Etwas, das in Bewegung kommt.
Was sie nicht ist
Vielleicht hilft es, zuerst ein wenig aufzuräumen.
Nächstenliebe ist nicht das Gefühl, alle Menschen zu mögen. Manche Menschen gehen einem auf die Nerven – das ist menschlich, und das darf so sein.
Sie ist auch nicht die ewig offene Tür. Wer immer da ist, ist irgendwann nicht mehr da. Erschöpft. Leer. Manchmal bitter. Das tut keinem gut.
Und sie ist nicht die fromme Verausgabung bis zum Burnout. Davon hat am Ende niemand wirklich etwas. Du nicht. Die anderen nicht. Auch Gott will das nicht.
Drei Bewegungen Jesu
Sehen
Da hängt Zachäus auf dem Baum. Klein, reich, verhasst. Ein Kollaborateur, einer, der die eigenen Leute verraten hat. Die Menge schaut weg. Jesus schaut hin.
„Komm herab, ich muss heute in deinem Haus einkehren" (Lk 19,5).
Sehen ist die erste Bewegung. Vor dem Tun kommt das Wahrnehmen.
Da ist die Frau, die seit zwölf Jahren blutet. Sie drängt sich durch die Menge. Sie berührt nur den Saum. Jesus dreht sich um. „Wer hat mich angerührt?" Die Jünger lachen fast: Alle berühren dich, Rabbi. Aber Jesus weiß: Eine hat ihn wirklich berührt. Er sieht, wen niemand sieht.
Wer liebt, schaut zuerst. Nicht weg, sondern hin.
Berühren
Der Aussätzige in Markus 1. Niemand fasst ihn an. Niemand darf. Berührung würde unrein machen, ausschließen, gefährden.
Jesus streckt die Hand aus. Und berührt ihn.
Das ist das Bewegende. Die Berührung kommt vor der Heilung.
Was tabu ist, fasst Jesus an. Tote. Kranke. Frauen. Kinder. Nicht-Juden. Sünder. Er überschreitet Linien, die andere für heilig halten – und tut es ohne Lärm.
Berührung heißt: Ich gehe nicht auf Abstand. Ich teile deinen Raum. Ich werde verletzlich, damit du es nicht mehr alleine bist.
Aufrichten
„Dein Glaube hat dir geholfen." Diesen Satz sagt Jesus oft. Er sagt nicht: Ich habe dir geholfen. Er sagt: Du hast Glauben. Du bist mehr, als du denkst.
Das ist die dritte Bewegung. Würde zurückgeben, ohne sich darüber zu stellen.
Liebe, die herablässt, wird leicht zur Wohltätigkeit. Sie macht den anderen ein Stück kleiner, damit man selbst größer wirkt. Bei Jesus geschieht das nie.
Er richtet auf.
Die Geschichte, die uns dreht
Lukas 10. Ein Schriftgelehrter will es genau wissen. „Wer ist mein Nächster?"
Eine kluge Frage. Sie sortiert. Sie grenzt ein. Sie macht das Gebot überschaubar.
Jesus erzählt die Geschichte vom Mann, der unter die Räuber fiel. Priester und Levit gehen vorbei. Ein Samariter – ein Fremder, fast ein Feind – hält an. Er sieht. Er berührt. Er richtet auf.
Am Ende fragt Jesus zurück. Aber er fragt nicht: Wer war der Nächste dieses Mannes? Er fragt: Wer ist dem Verletzten zum Nächsten geworden?
Eine kleine Verschiebung – mit großer Wirkung.
Nicht mehr: Wer verdient meine Liebe? Sondern: Werde ich Nächste oder Nächster für jemanden, der mich gerade braucht.
Das ist eine andere Frage. Sie verweigert die saubere Definition. Und sie schickt mich liebevoll los.
Wie dich selbst
Die oft übersehene Hälfte des Doppelgebots: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Mt 22,39).
Wie dich selbst. Diese drei Worte stehen da. Sie sind kein Anhängsel.
Ohne Selbstliebe wird Nächstenliebe leicht zur Selbstausbeutung. Wer sich selbst nicht achtet, kann dem anderen schwer wirklich begegnen. Er bedient ihn dann eher.
Jesus zog sich zurück. Auf Berge. Ans Wasser. Allein. Er war nicht ständig verfügbar. Er hat seine Grenzen gekannt und sie geachtet.
Das ist nichts Egoistisches. Es ist die Voraussetzung dafür, dass aus Liebe etwas wird, das trägt.
Drei Fragen für die Woche
Vielleicht geht es weniger um ein Programm. Eher um Aufmerksamkeit.
Wen sehe ich gerade nicht? In meiner Familie. Am Arbeitsplatz. In der Nachbarschaft. Wer ist da, ohne dass ich es bemerke?
Wo ist mir Berührung unangenehm geworden? Nicht nur körperlich. Auch: Wo gehe ich auf Abstand, weil mich etwas verstört? Beim Wohnungslosen am Bahnhof. Bei der Verwandten, die schwierig ist. Bei dem Kollegen, der mir fremd bleibt.
Wer ist mir in den letzten Wochen Nächste oder Nächster gewesen – und habe ich es bemerkt? Vielleicht waren es kleine Dinge. Ein Anruf. Ein Satz im Treppenhaus. Eine Hand auf der Schulter. Wer hat mich gesehen?
Zum Schluss
Nächstenliebe wie Jesus ist kein Programm. Sie ist eine Aufmerksamkeit, die Schritte macht.
Sehen. Berühren. Aufrichten.
Vielleicht ist es nicht mehr. Vielleicht muss es auch nicht mehr sein.

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