Es gibt Phasen im Leben, in denen man Gott lieber nicht begegnen würde. Nicht weil man aufgehört hat zu glauben. Sondern weil man weiß, dass er sieht, was man lieber nicht gesehen hätte. Die eigene Erschöpfung. Die eigene Gleichgültigkeit. Die Entscheidungen, die man getroffen hat und die sich im Nachhinein anders anfühlen als gedacht.

In solchen Phasen ist Psalm 139 ein unbequemer Text. Er lässt keine Lücke.

Steige ich hinauf in den Himmel, bist du dort. Bette ich mich in der Unterwelt, bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, auch dort würde deine Hand mich führen.

Der Psalm lässt keinen Ausweg offen. Gott ist überall, und er kennt alles.

Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das keine Drohung ist.

Warum man fliehen will

Der Impuls, Distanz zu Gott zu schaffen, ist alt. Er beginnt im Garten, als Adam und Eva sich verstecken, nachdem sie vom Baum gegessen haben. Es ist der erste Reflex nach dem Bruch: Gott aus dem Blickfeld bringen. Nicht weil er böse ist. Sondern weil seine Gegenwart das, was man getan hat oder was man ist, sichtbar macht.

Dieser Reflex ist menschlich und ehrlich. Wer in einer Phase des Glaubens lebt, in der Zweifel überwiegen, will nicht dauernd daran erinnert werden, dass da jemand ist, dem gegenüber man sich verhalten müsste. Wer erschöpft ist, will keine Gegenwart spüren, die ihn zu mehr einlädt. Wer sich schuldig fühlt, sucht Abstand, nicht Nähe.

Das Problem ist: Dieser Abstand lässt sich nicht herstellen. Nicht weil Gott einen verfolgt wie ein Detektiv. Sondern weil seine Gegenwart keine Option ist, die man ein- oder ausschalten kann. Sie ist einfach. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist? Die Frage des Psalmisten ist keine rhetorische Übung. Sie ist der ehrliche Ausdruck eines Menschen, der gemerkt hat, dass es keinen Ort gibt, der außerhalb Gottes liegt.

Was diese Allgegenwart bedeutet

Allgegenwart klingt abstrakt. Im Psalm ist sie konkret. Gott kennt mein Sitzen und mein Aufstehen. Er versteht meine Gedanken von ferne. Er umgibt mich von allen Seiten. Er hat seine Hand auf mich gelegt.

Das Bild der Hand ist entscheidend. Es ist kein Bild von Kontrolle oder Überwachung. Es ist ein Bild von Halt. Eine Hand, die auf jemandem liegt, hält ihn. Trägt ihn. Lässt ihn nicht fallen. Die Allgegenwart Gottes im Psalm ist keine lückenlose Beobachtung. Sie ist lückenlose Begleitung.

Das verändert, wie man den Text liest. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist? ist dann keine bange Frage, die Entdecktwerden fürchtet. Es ist die staunende Erkenntnis, dass es keinen Ort gibt, an dem man allein wäre. Nicht in der Tiefe der Nacht. Nicht in der Unterwelt, dem Bild für die äußerste Verlassenheit. Nicht am Ende der Welt. Überall die Hand. Überall der Geist.

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Die Nacht als Ort der Gegenwart

Der Psalm hat eine merkwürdige Stelle in der Mitte: Auch die Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag. Das klingt tröstlich, aber es ist zuerst überraschend. Finsternis ist im Alten Testament oft der Raum, in dem Gott abwesend ist. Der Ort des Todes, der Trauer, der Gottverlassenheit. Der Psalm sagt: Selbst dort nicht.

Ich denke an die Nächte, in denen das Gebet nicht fließt und der Glaube sich wie eine Hülle anfühlt, die man trägt, ohne zu wissen, was darunter ist. Diese Nächte gehören zu jedem ernsthaften Glaubensleben. Und genau in diese Nächte hinein sagt der Psalm: Auch hier leuchtet die Nacht wie der Tag. Nicht weil das Dunkel weg ist. Sondern weil Gott nicht erst beginnt, da zu sein, wenn es wieder hell wird.

Das ist keine Vertröstung. Es ist eine Aussage über die Natur Gottes. Er ist nicht der Gott der guten Phasen, der sich zurückzieht, wenn es schwierig wird. Er ist der Gott, der in der Finsternis ebenso gegenwärtig ist wie im Licht. Der Unterschied ist nicht seine Präsenz, sondern unsere Wahrnehmung.

Gekannt sein als Evangelium

Am Ende kehrt der Psalm zu dem zurück, womit er begonnen hat: Du hast mich erforscht und kennst mich. Das ist kein neutrales Wissen. Im Hebräischen meint dieses Kennen eine intime, persönliche Vertrautheit. Nicht das Wissen über jemanden. Das Wissen von jemandem, das aus Nähe und Zuwendung entsteht.

Dieser Gedanke hat etwas Beunruhigendes und etwas zutiefst Befreiendes zugleich. Beunruhigend, weil man nicht ausblenden kann, was man lieber verbergen würde. Befreiend, weil man auch nicht verbergen muss. Gott kennt mich vollständig, und er hält trotzdem seine Hand auf mir.

Das ist das Evangelium in einem Satz. Nicht: Gott kennt dich, wenn du dich in Ordnung gebracht hast. Sondern: Gott kennt dich, wie du bist, und lässt dich nicht los. Die Allgegenwart Gottes ist nicht die Bedrohung des Menschen, der sich irgendwo verstecken will. Sie ist der Boden, auf dem man stehen kann, weil er unter einem ist, egal wohin man geht.

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist? Nirgendwo. Und das ist gut so.