David hat viele Gebete hinterlassen. Gebete der Verzweiflung, der Reue, des Jubels, der Anklage. Aber dieser eine Vers aus Psalm 27 klingt anders. Ruhiger. Konzentrierter. Fast als hätte er mitten im Schreiben innegehalten und sich selbst gefragt: Was will ich eigentlich wirklich?
„Eines habe ich vom Herrn erbeten, das begehre ich: dass ich im Hause des Herrn wohnen darf alle Tage meines Lebens, um die Freundlichkeit des Herrn zu schauen und seinen Tempel zu betrachten." (Psalm 27,4)
Eines. Nicht eine Liste. Nicht zehn Anliegen. Nicht die übliche Sammlung von Wünschen, die man vor Gott ausbreitet wie Prospekte auf dem Küchentisch.
Eines.
Ich lese diesen Vers und spüre sofort, wie weit ich davon entfernt bin. Weil mein inneres Leben meistens das Gegenteil von diesem Vers ist: viele Dinge gleichzeitig, keines davon ganz, und Gott irgendwo in der Mitte des Durcheinanders.
Martha, Maria – und was Jesus wirklich sagt
Die Szene ist so bekannt, dass sie fast schon abgenutzt wirkt. Martha in der Küche, Maria zu Füßen Jesu, die Spannung steigt, Martha platzt heraus. Wir kennen das.
Aber wer genau hinhört, merkt: Jesus tadelt Martha nicht. Er klagt sie nicht an. Er sagt nicht: Du machst das falsch. Er sagt etwas viel Selteneres. Er sagt ihren Namen zweimal.
„Martha, Martha, du hast viele Sorgen und machst dir Mühe um viele Dinge. Aber eines ist not. Maria hat das gute Teil erwählt, das wird nicht von ihr genommen werden." (Lukas 10,41–42)
Martha, Martha. Dieser doppelte Name – das ist im Griechischen kein Vorwurf. Das ist Zärtlichkeit. So redet man mit jemandem, den man liebt und um den man sich sorgt. Jesus sieht Martha. Er sieht die Erschöpfung, den guten Willen, die aufgestaute Frustration. Und er sagt ihr etwas, das sie vielleicht nicht hören wollte, aber das er trotzdem sagt:
Du kreist um viele Dinge. Maria kreist um eines.
Das Eine ist nicht Faulheit. Das Eine ist Fokus. Es ist die Entscheidung, sich in Gegenwart von Jesus nicht ablenken zu lassen – nicht einmal von guten, sinnvollen, notwendigen Dingen.
Und genau hier kommt Dallas Willard ins Spiel.
Ruthlessly eliminate hurry
Willard war einer der bedeutenden evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Kein Mystiker im traditionellen Sinne, kein Klosterbruder – ein Universitätsprofessor, der im Lärm der modernen Welt lebte und trotzdem mehr Stille in sich trug als die meisten Menschen, die ich kenne.
Sein Freund John Ortberg hat ihn einmal gefragt: Was ist der wichtigste geistliche Ratschlag, den du mir geben kannst?
Willard hat einen Moment überlegt. Dann hat er gesagt: „Ruthlessly eliminate hurry from your life."
Gnadenlos. Die Eile aus deinem Leben eliminieren. Nicht reduzieren. Nicht managen. Eliminieren.
Ortberg war überrascht. Das klingt nicht nach Theologie. Das klingt nach Zeitmanagement. Aber Willard hat nachgesetzt: Hurry ist nicht einfach ein Organisationsproblem. Hurry ist ein Seelenproblem. Wer immer in Eile ist, kann Gott nicht begegnen – nicht weil Gott sich versteckt, sondern weil Eile uns taub macht für alles, was langsam, leise und tief ist.
Martha ist nicht böse. Martha ist in Eile. Und Eile hat sie blind gemacht für das, was direkt vor ihr sitzt.
Was die Mönche wussten – und wir vergessen haben
Es gab einmal Menschen, die das sehr ernst genommen haben. Die Mönche der alten Kirche haben ihr Leben um eine einzige Praxis herum gebaut: ora et labora – bete und arbeite. Nicht als Gleichgewicht zwischen zwei Hälften, sondern als zwei Ausdrucksformen desselben Lebens.
Der Unterschied zu uns ist nicht, dass sie mehr Zeit hatten. Der Unterschied ist, dass sie weniger Optionen hatten – und das als Geschenk begriffen haben. Keine Benachrichtigungen, keine offenen Tabs, kein endloser Strom von Inhalten, der uns erzählt, was wir als nächstes denken sollen.
Willard sagt: Das moderne Leben hat uns nicht beschäftigt gemacht, weil das Leben komplizierter geworden ist. Es hat uns beschäftigt gemacht, weil wir Beschäftigung zugelassen haben. Wir haben aufgehört zu wählen, was uns gehört – und angefangen, uns von allem in Anspruch nehmen zu lassen, was laut genug klingt.
David wusste in Psalm 27, was er wollte. Eines.
Maria wusste in Bethanien, was sie brauchte. Das gute Teil.
Willard wusste im 21. Jahrhundert, was das kostet. Gnadenlose Entscheidungen.
Das Eine üben
Willard hat nicht nur ein Zitat hinterlassen. Er hat eine Praxis gelebt. Und die war verblüffend unspektakulär: Er hat sich regelmäßig in Situationen begeben, die ihn zur Langsamkeit zwingen. Absichtlich die längere Kassenschlange wählen. Nicht weil er masochistisch war – sondern weil er wusste, dass Ungeduld ein Symptom ist. Und dass man Symptome behandeln muss, bevor sie zur Gewohnheit werden.
Das ist die Idee. Nicht ein großes spirituelles Programm. Sondern eine kleine, konkrete Übung, die einen Riss in die Eile schlägt.
Hier ist eine Übung, die ich dir mitgeben will:
Die Psalm-27-Übung. Nimm dir an einem Morgen dieser Woche – nicht alle Morgen, einen – fünfzehn Minuten. Kein Telefon, kein Podcast, keine Tagesplanung. Nur Psalm 27,4. Lies ihn laut. Dann frag dich: Was ist gerade das Eine in meinem Leben, das wirklich zählt? Nicht was dringend ist. Was zählt.
Schreib es auf. Einen Satz. Und dann halte inne.
Das ist keine Meditation im technischen Sinne. Das ist kein Kurs. Das ist einfach der Versuch, für einen Moment Martha zu stoppen – und Maria zu werden. Zu Füßen von jemandem zu sitzen, der schon da ist, und der, wenn wir ehrlich sind, schon die ganze Zeit auf uns wartet.
David hat es gewusst. Maria hat es getan. Willard hat es gelehrt.
Und du? Du weißt es auch. Du hast es vielleicht nur eine Weile nicht gehört – weil es zu laut war.
Wer mehr von Dallas Willard lesen will:
⬇️⬇️⬇️ Dieser Artikel ist Teil der Serie Berg-Wildnis-Dorf. ⬇️⬇️⬇️


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