Im ersten Teil dieser Reihe habe ich beschrieben, wie unsere Gemeinden in bester Absicht jeden freien Moment mit Programm gefüllt haben und dabei etwas verloren, das früher selbstverständlich war: einen Raum ohne Anlass, in dem Zugehörigkeit nicht verdient werden musste. Diese Beobachtung bliebe eine bloße Kulturkritik, wenn sie sich nicht auf etwas Tieferes zuspitzen ließe. Denn die Frage, ob ein Raum einen Zweck verlangt oder nicht, ist am Ende keine organisatorische Frage. Es ist eine theologische.

Man kann diese Beobachtung theologisch schärfer fassen, und ich will das tun, weil sie sonst wie eine bloße Nostalgie nach gemütlicherem Gemeindeleben klingt. Es geht nicht um Gemütlichkeit. Es geht um die Frage, welche Botschaft ein Raum sendet, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird. Ein Raum, der einen Anlass verlangt, sagt implizit: Du bist willkommen, sobald du einen Grund hast, hier zu sein. Ein Raum ohne Anlass sagt etwas anderes: Du bist willkommen, weil du da bist. Die erste Botschaft ist, ob wir es wollen oder nicht, eine Botschaft des Gesetzes. Sie verlangt eine Leistung, und sei es nur die Leistung, sich für einen Programmpunkt zu entscheiden. Die zweite Botschaft ist näher am Evangelium, als wir manchmal zugeben wollen. Sie verlangt nichts. Sie öffnet die Tür und wartet.

Hermann Sasse hat in seinen Schriften wiederholt daran erinnert, dass die Kirche mehr ist als die Summe ihrer Veranstaltungen, dass sie eine Realität besitzt, die sich der ständigen Optimierung entzieht. Diese Erinnerung tut weh in einer Zeit, in der jede Gemeinde gefühlt in Konkurrenz zu jedem Freizeitangebot der Umgebung steht und in der wir dieser Konkurrenz mit noch mehr Programm zu begegnen versuchen. Aber vielleicht liegt genau hier unser Denkfehler. Wir versuchen, das Café zu schlagen, indem wir bessere Veranstaltungen bauen, während unsere eigentliche Stärke immer die gewesen wäre, das Café zu sein, das niemand mehr baut, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr rechnet. Ein Ort ohne Konsumzwang. Ein Ort, an dem die Anwesenheit selbst der Sinn ist und nicht die Vorstufe zu etwas anderem.

three person holding beverage cups
Der Gegner? Unsplash

Das Neue Testament kennt diese Logik übrigens sehr gut, auch wenn wir sie ungern zitieren, weil sie so unspektakulär ist. Jesus verbringt einen erstaunlichen Anteil seiner Zeit an Brunnen, auf Straßen, in Häusern, in denen niemand ein Programm angesetzt hatte. Die Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen ist keine Veranstaltung. Es ist eine Unterbrechung des Alltags an einem Ort, der für nichts anderes gedacht war als für das Wasserholen. Genau dort geschieht das Entscheidende. Man könnte sagen, dass ein erheblicher Teil der Evangelien in Third Spaces spielt, an Brunnen, auf Fischerbooten, an Wegkreuzungen, und erst danach in dem, was wir Synagoge oder Tempel nennen würden. Wir haben diese Reihenfolge irgendwann umgedreht und den Third Space fast vollständig zugunsten der ersten beiden Orte aufgegeben.

Wenn das stimmt, dann ist die Frage nach dem Third Space keine Frage der Gemeindeorganisation, sondern eine Frage danach, wie wörtlich wir es meinen, wenn wir von Gnade sprechen. Gnade lässt sich schließlich nicht terminieren. Sie geschieht dann, wenn jemand die Tür öffnet und niemand von ihm etwas will. Jeder Programmpunkt, so gut gemeint er ist, setzt zumindest die kleine Bedingung voraus, dass jemand sich für ihn entscheidet, anmeldet, erscheint. Der zweckfreie Raum kennt diese Bedingung nicht. Er ist damit, ohne dass wir es je so genannt hätten, der ehrlichste Ausdruck dessen, was wir sonntags predigen. Dass die Gnade Gottes vorausgeht, nicht nachfolgt. Dass sie uns findet, bevor wir uns entschieden haben, gefunden werden zu wollen.

Man könnte einwenden, dass diese Räume heute nicht mehr funktionieren, weil unsere Gesellschaft sich verändert hat, weil niemand mehr Zeit für ziellose Begegnung hat, weil jeder durchgetaktet ist. Das mag stimmen, und genau deshalb ist der Gedanke so dringend. Wenn eine ganze Gesellschaft an dem Mangel an zweckfreien Räumen leidet, dann ist die Institution, die als einzige noch von etwas anderem als von Marktlogik lebt, in einer einzigartigen Position, genau diesen Raum wieder anzubieten. Nicht als Marketingstrategie, um mehr Mitglieder zu gewinnen, sondern weil ein Raum ohne Erwartung dem Evangelium selbst näher ist als jedes noch so gut durchdachte Programm.

Das ist der theologische Kern, um den sich diese Reihe dreht. Im dritten und letzten Teil wird es konkret. Was würde es bedeuten, diesen Gedanken tatsächlich in einer Gemeinde umzusetzen, und welchen Einwänden müssen wir uns dabei ehrlich stellen?