Im ersten Teil dieser Reihe ging es um die Diagnose, dass unsere Gemeinden in bester Absicht jeden freien Raum mit Programm gefüllt haben. Im zweiten Teil habe ich versucht zu zeigen, dass diese Entwicklung keine bloße Organisationsfrage ist, sondern eine theologische, weil ein Raum ohne Anlass dem Evangelium näher steht als jedes noch so gut gemeinte Angebot. Jetzt, zum Abschluss, wird es konkret. Und ich verspreche, es wird unspektakulär.
Ich weiß, wie widersprüchlich das klingt, wenn ausgerechnet ein Pastor gegen zu viel Programm wettert. Ich lebe von Programm. Predigten, Andachten, Gemeindeversammlungen, das ist mein Handwerk, und ich glaube fest daran, dass strukturierte Verkündigung notwendig ist. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Struktur, die Verkündigung trägt, und der Struktur, die alles füllt, was zwischen den Verkündigungsmomenten liegt. Genau dieser zweite Bereich ist es, den wir zurückerobern müssen, wenn wir wieder ein Third Space werden wollen. Es geht nicht darum, weniger Gottesdienst zu feiern. Es geht darum, mehr Raum zwischen den Gottesdiensten zuzulassen, in dem nichts geplant ist außer der offenen Tür.
Was würde es konkret bedeuten? Vielleicht ein Gemeinderaum, der wöchentlich für ein paar Stunden offensteht, ohne Bibelkreis, ohne Vortrag, ohne Vorstand, nur mit Kaffee und der stillschweigenden Erlaubnis, einfach da zu sitzen. Vielleicht ein Pastorat, dessen Tür tagsüber tatsächlich unverschlossen ist, ohne dass jemand vorher einen Termin ausmachen muss (starke Anfechtung für manche...). Vielleicht die Bereitschaft, eine leere Stunde im Wochenplan auszuhalten, ohne sofort mit dem nächsten Projekt zu füllen, weil eine leere Stunde für viele Menschen der einzige Moment sein könnte, in dem sie überhaupt den Mut finden, sich zu zeigen. Menschen kommen selten mit ihrer tiefsten Not zu einer angekündigten Veranstaltung. Sie kommen eher zufällig, am Rand von etwas anderem, wenn niemand von ihnen etwas erwartet.
Man muss an dieser Stelle ehrlich sein und die praktischen Einwände ernst nehmen, die sofort aufkommen, sobald man von offenen Türen ohne Programm spricht. Wer haftet, wenn im leeren Gemeindesaal etwas passiert? Wer betreut den Raum, wenn niemand dafür eingeteilt ist? Sind wir nicht längst zu wenige Ehrenamtliche, um noch einen weiteren, unstrukturierten Bereich zu stemmen? Diese Fragen sind berechtigt, und ich will sie nicht kleinreden. Aber es fällt auf, wie schnell wir bei jedem Vorschlag eines offenen Raumes in die Logik der Absicherung fallen, während wir bei jedem neuen Programm selten fragen, ob wir es uns personell überhaupt leisten können. Wir finden fast immer Ressourcen für ein neues Angebot, aber selten für das Nichtstun, das strukturell genauso viel Aufmerksamkeit verdient hätte. Vielleicht ist das der eigentliche Kulturwandel, den es braucht, nicht weniger Verantwortung, sondern eine andere Vorstellung davon, wofür wir überhaupt Verantwortung übernehmen wollen.
Es gibt einen Satz, den ich mir seit einiger Zeit an meinen Schreibtisch geheftet habe, nicht als Zitat eines großen Denkers, sondern als eigene Erinnerung an das, worum es eigentlich geht. Der Satz lautet: Bevor du etwas anbietest, frag dich, ob du auch einfach nur da sein könntest. Es ist eine kleine Frage mit großer Reichweite. Sie verändert, wie ich meinen Kalender plane, wie ich meine Bürotür behandle, wie ich über die Nachmittage denke, an denen scheinbar nichts passiert. Und sie verändert vor allem, wie ich über meine eigene Rolle denke. Ich muss nicht der Mensch sein, der immer etwas zu bieten hat. Manchmal ist die größte pastorale Leistung, gar nichts zu bieten außer der eigenen Anwesenheit, und genau das an die Gemeinde weiterzugeben, die durch mich lernen soll, dass Zugehörigkeit keinen Anlass braucht.
Ich denke oft an eine ältere Frau aus meiner ehemaligen Gemeinde auf dem Dorf, die nicht in den Gottesdienst kommt, aber jeden Mittwoch bei mir vorbeischaut, weil sie weiß, dass ich um diese Zeit im Büro bin. Sie kommt nie mit einem Anliegen. Manchmal spricht sie über ihren verstorbenen Mann, manchmal über das Wetter, manchmal sagt sie zehn Minuten lang gar nichts und trinkt ihren Kaffee. Ich habe früher gedacht, das sei verlorene Zeit, die ich eigentlich für die Predigtvorbereitung bräuchte. Inzwischen glaube ich, dass diese zehn Minuten Schweigen mehr Seelsorge sind als manche meiner besten Predigten, weil sie ihr genau das sagen, was sie nie in Worte fassen würde und was sie doch dringend hören muss: Du musst hier nichts leisten, um hierher zu gehören.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe, vor der wir als Kirche in dieser Zeit stehen, nicht relevanter zu werden, sondern langsamer. Nicht mehr Angebote zu schaffen, sondern mehr Leerstellen zuzulassen. Nicht jede Begegnung zu optimieren, sondern manche Begegnungen absichtlich ungeplant zu lassen. Das wird sich in keiner Gemeindestatistik als Erfolg niederschlagen, weil sich Anwesenheit ohne Anlass schlecht zählen lässt. Aber genau das könnte der Punkt sein. Ein Raum, der sich nicht rechnen muss, ist der einzige Raum, in dem Gnade noch überraschend wirken kann, weil sie dort nicht mit einem Ergebnis konkurrieren muss.
Wenn wir also über die Zukunft unserer Gemeinden nachdenken, sollten wir uns weniger fragen, welches neue Format wir noch anbieten könnten, und mehr, welchen Raum wir endlich wieder leer lassen dürfen. Der Third Space ist keine Marketingidee. Er ist eine alte, fast vergessene Form von Gastfreundschaft, die einmal selbstverständlich zur Kirche gehörte und die wir uns, im besten Sinn des Wortes, zurückerobern müssen. Nicht durch ein weiteres Konzept, sondern durch den Mut, weniger zu planen und mehr offenzulassen. Am Ende ist es vielleicht die unspektakulärste, aber radikalste Veränderung, die unsere Gemeinden in dieser Zeit vornehmen könnten: die Tür aufzuschließen und nichts weiter zu erwarten.

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