Sonntags sehe ich beim Brotbrechen in die Gesichter. Manche sind müde, manche trauern, manche schämen sich für etwas aus dieser Woche. Alle strecken die Hände aus. Was sie dort empfangen, verstehen die Kirchen sehr unterschiedlich.

Ein Streit um ein Wort

Paulus überliefert: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird" (1. Korinther 11,23–25). Das kleine Wort „ist" hat Kirchengeschichte geschrieben. 1529 trafen sich Luther und Zwingli in Marburg. Zwingli las „ist" als „bedeutet", so wie ein Ehering auf ein Eheversprechen hinweist. Luther blieb beim Wortlaut. Er wollte dem Wort Jesu nichts abhandeln, auch wenn es unser Begreifen übersteigt.

Drei Antworten

Die katholische Kirche lehrt die Transsubstantiation: Brot und Wein werden in ihrer Substanz verwandelt, nur die Gestalt bleibt. Zwingli und viele Freikirchen sehen im Mahl Gedächtnis und Bekenntnis. Calvin ging weiter: Der Heilige Geist verbindet uns geistlich mit dem erhöhten Christus.

Die lutherische Antwort lehnt Verwandlung und bloße Erinnerung ab. Christus ist „in, mit und unter" Brot und Wein gegenwärtig. Das Brot bleibt Brot, und wer isst, empfängt zugleich wirklich Leib und Blut Christi, weil er es verheißen hat.

Warum so greifbar?

Hinter dieser Lehre steht ein Bild, das sich durch Luthers Theologie zieht: Gott begegnet uns im Unscheinbaren. In einer Krippe. An einem Kreuz. In einem Stück Brot. Er versteckt sich nicht vor uns, er macht sich greifbar.

Testament statt Opfer

Der folgenreichste Unterschied betrifft die Richtung. In der katholischen Tradition ist die Messe auch ein Opfer, das der Priester darbringt. Luther widersprach 1520 in seiner Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche": Das Abendmahl ist ein Testament, ein letzter Wille. Ein Testament bringt man nicht dar, man nimmt es entgegen. Der Kleine Katechismus fasst es zusammen: Im Mahl werden uns „Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit" gegeben.

Für dich

Manche bleiben dem Abendmahl fern, weil sie sich nicht würdig fühlen. Sie warten darauf, endlich genug zu glauben. Dann wäre das Mahl aber eine Prüfung, und das wollte Jesus nicht. Es ist eine Tafel für Hungrige. Luther riet Angefochtenen, eher öfter zu kommen als seltener.

Wenn du das nächste Mal Brot und Wein empfängst, musst du nichts leisten. Du darfst hören, was dir gesagt ist: Das ist für dich gegeben.

Mehr dazu, auch zu den Unterschieden im Detail, in der Videofolge:

Das Video