Manche Abstände zwischen Menschen entstehen durch einen großen Knall. Andere wachsen langsam – durch Schweigen, durch Enttäuschungen, durch Dinge, die nie gesagt wurden und jetzt zu groß geworden sind.
Sich von den eigenen Eltern zu entfremden ist keine leichte Entscheidung. Meistens ist es überhaupt keine Entscheidung – es ist das Ergebnis von vielem, das sich über Jahre angesammelt hat. Und es ist kompliziert, weil da gleichzeitig Schmerz ist und Erleichterung. Trauer und Selbstschutz. Liebe, die irgendwo noch da ist, und Verletzung, die nicht einfach verschwindet.
Die Kirche redet selten über dieses Thema. Dabei sitzen Menschen damit in den Gottesdiensten – still, allein, ohne Sprache für das, was sie tragen.
Dieses Gebet gibt keine Antwort darauf, ob der Abstand richtig oder falsch ist. Es fragt das nicht. Es hält nur den Menschen, der damit lebt.
Ablauf
Ein Einzelgebet – gesprochen oder gelesen. Es darf langsam gelesen werden. Die Stillen sind wichtig.
Das Gebet
[ Allein, irgendwo ruhig ]
Gott.
Ich habe Eltern. Und gleichzeitig – irgendwie – nicht.
[ Stille ]
Ich weiß noch nicht, wie ich das nennen soll. Abstand. Schutz. Verlust. Vielleicht alles davon.
Da ist so viel, was ich mir gewünscht hätte. Eine Mutter, die zuhört. Einen Vater, der da ist. Eltern, bei denen ich einfach ich sein kann.
Das hatte ich nicht. Oder nicht genug. Oder auf eine Art, die mich verletzt hat.
[ Stille ]
Ich trage das mit mir. Schon lange.
An manchen Tagen ist es leiser. An anderen – zum Beispiel heute – ist es wieder laut. Bei Geburtstagen. Bei Feiertagen. Wenn ich sehe, wie es bei anderen aussieht.
[ Stille ]
Ich bin nicht sicher, ob ich wütend bin oder traurig. Wahrscheinlich beides. Vielleicht auf sie. Vielleicht auf mich. Vielleicht auf dich – weil du das zugelassen hast.
Das darf ich sagen.
[ Stille ]
Ich bitte dich nicht, das alles zu erklären. Ich bitte dich nicht mal, es zu heilen – nicht heute.
Ich bitte dich nur: Halt mich in dem, was ich nicht auflösen kann. Gib mir Frieden, der nicht Gleichgültigkeit ist. Und zeig mir, wo ich trotzdem geliebt bin – auch wenn es nicht von dort kommt, wo ich es am meisten erwartet habe.
Amen.

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